Rollstuhlbasketball: „Jeder braucht jeden“

Es gibt wohl kaum eine Sportart, die einerseits so rasant und gleichzeitig so inklusiv ist wie Rollstuhlbasketball: Einerlei, welches Geschlecht oder Alter die Aktiven haben, ob sie körperliche Einschränkungen aufweisen oder nicht – alle können gemeinsam spielen, und dies sogar auf höchster nationaler Ebene.

Rollstuhlbasketballer Thomas Reier vom RBC Köln 99ers (Bild: OSP / Peter Eilers)

Rollstuhlbasketballerin Lisa Bergenthal vom RBC Köln 99ers (Bild: OSP / Peter Eilers)

Beliebte paralympische Sportart

Derzeit gehören dem Fachbereich Rollstuhlbasketball im Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) rund 1.600 Personen an. Damit ist Rollstuhlbasketball die größte paralympische Sportart, die es im DRS gibt. „Wir haben mit Abstand die meisten Spielerinnen und Spieler“, sagt Lennart Bargel, Leiter des Vorstandsbüros im Fachbereich Rollstuhlbasketball. Etwa zwei Drittel der Angehörigen des Fachbereichs sind männlich. „Die Förderung von Frauen im Rollstuhlbasketball ist uns daher auch ein wichtiges Anliegen. Wir führen z. B, regelmäßig Veranstaltungen durch, die sich speziell an Frauen richten“, erläutert Lennart Bargel.

Vor allem aber organisiert der Fachbereich Rollstuhlbasketball im DRS den nationalen Spielbetrieb, also u. a. die Spielzeiten in der Rollstuhlbasketball-Bundesliga (RBBL1) und der 2. Bundesliga (RBBL2 Division A und Division B). Die Saison läuft üblicherweise von Oktober bis Mai, wobei der exakte Beginn davon abhängt, wann im jeweiligen Jahr das Großereignis (Paralympische Spiele, Welt- oder Europameisterschaft) stattfindet, an dem die deutschen Nationalmannschaften im Rollstuhlbasketball beteiligt sind.

Die Vereine treten im Ligabetrieb als Mixedteams an, d. h., Damen und Herren spielen gemeinsam in einer Mannschaft. Jede Athletin und jeder Athlet wird im Vorfeld funktionell klassifiziert und auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden basketballrelevanten Muskelfunktionen mit einer Punktzahl (in 0,5-Punkte-Schritten von 1,0 bis 4,5) bedacht. So erhalten z. B. Querschnittsgelähmte einen Punkt, während Personen, die eine Gehbehinderung aufweisen, sodass sie zwar laufen, aber im Laufen keinen Sport treiben können, mit 4,5 Punkten versehen werden. Diese Punktzahl wird auch nichtbehinderten Personen zugewiesen. Für die Damen existiert ein Bonus: Sie bekommen von ihrer eigentlichen Punktzahl 0,5 Punkte abgezogen.

Die insgesamt fünf Spielerinnen und Spieler, die gleichzeitig auf dem Spielfeld aktiv sind, dürfen auf Vereinsebene eine maximale Gesamtpunktzahl von 14,5 aufweisen. Für Nationalmannschaften gelten 14,0 Punkte als Obergrenze. „Im Rollstuhlbasketball können alle mitspielen und jeder braucht jeden. Ist z. B. ein 4,5-Punkte-Spieler dabei, muss gleichzeitig ein 1-Punkt-Spieler aktiv sein. Da auch Menschen ohne Behinderung mitspielen können, ist Rollstuhlbasketball ein extrem inklusiver Sport“, sagt Thomas Reier, der bei den Paralympischen Spielen 2024 mit der deutschen Nationalmannschaft die Bronzemedaille gewann.

Bis zu zehn Trainingseinheiten pro Woche

Thomas Reier kam als Jugendlicher durch eine Rollstuhlbasketball-AG an seiner Schule zum Rollstuhlbasketball. Der damalige Trainer erkannte schnell seine Begeisterung und sein Talent für die Sportart und empfahl ihm, sich dem Verein RBC Köln 99ers anzuschließen, um Rollstuhlbasketball noch intensiver ausüben zu können. Dort wurde Thomas Reier schnell in das Team integriert, welches damals in der Oberliga antrat. Inzwischen gehört der 25-Jährige dem Paralympics-Kader des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) an und ist einer der Leistungsträger des Bundesligateams des RBC Köln 99ers.

Als einen „Gänsehautmoment“ beschreibt der angehende Geschichts- und Geografielehrer seine Erlebnisse vor zwei Jahren in Frankreichs Hauptstadt, als rund 14.000 Zuschauerinnen und Zuschauer die Partien der deutschen Rollstuhlbasketballer in der Halle verfolgten. „Paris war ein unglaubliches Erlebnis! Das waren meine ersten Paralympics und es fühlt sich an, als ob es gestern war. Ich war erst kurz vorher wieder in die Nationalmannschaft gekommen – und dann direkt Bronze zu gewinnen, war krass“, blickt Thomas Reier zurück.

An Rollstuhlbasketball fasziniert den 25-Jährigen vieles: „Der Sport ist sehr actionreich und viel schneller und härter als man erwartet. Wenn man sich ein Spiel in der Halle anschaut, wird man gleich in den Bann gezogen. Ich habe schon als Kind gerne Basketball gespielt und mag zudem den Teamgedanken. Rollstuhlbasketball ist außerdem sehr professionell, sehr leistungsorientiert. Und dadurch, dass alle im Rollstuhl sitzen, gibt es keine Barrieren mehr.“

Zur Sportausübung werden spezielle Rollstühle verwendet. Bei diesen stehen z. B. die Räder schräger als bei normalen Rollstühlen, wodurch sie wendiger sind und nicht zur Seite kippen können. Grundsätzlich ist es sogar möglich, auf einem Rad hochzuspringen. Hinten weist der Sportrollstuhl bis zu zwei kleine Räder („Stützräder“) auf, sodass der Rollstuhl nicht nach hinten kippen kann. Außerdem verfügt der Rollstuhl über einen Rammbügel, der sowohl den Rollstuhl als auch die in ihm sitzenden Spielerinnen und Spieler schützt. Darüber hinaus sind an jedem Rollstuhl Anschnallgurte angebracht, mit denen die Beine bzw. Knie oder Oberschenkel am Rollstuhl fixiert werden. „Dadurch wird man eins mit dem Rollstuhl, was einen großen Unterschied macht: So ist man viel wendiger“, sagt Thomas Reier und fügt hinzu: „Jeder Rollstuhl wird anhand der Bedürfnisse und Wünsche der Spielerinnen und Spieler individuell angefertigt.“ So können z. B. 4,5-Punkte-Spieler deutlich höher sitzen als 1-Punkt-Spieler, weil Erstere über viel mehr Stabilität im Rumpf verfügen.

Für Thomas Reier stehen pro Woche bis zu zehn Trainingseinheiten auf dem Programm – fünf davon in Form von Teamtraining beim RBC Köln 99ers bis jeweils ca. 22.00 Uhr. Hinzu kommen – jeweils vormittags – Shooting-Sessions oder das Training im Kraftraum. Oftmals arbeitet der 25-Jährige zudem vor oder nach diesen Trainingseinheiten noch an seinen Würfen. An den Wochenenden ist er dann mit seinen Vereinskolleginnen und -kollegen bei Bundesligaspielen in ganz Deutschland unterwegs. Auch internationale Begegnungen mit dem RBC Köln 99ers, z. B. in der Euroleague, stehen in Thomas Reiers Terminkalender.

„Ich nutze sehr gerne den Kraftraum des OSP und freue mich über dieses Angebot“, so Thomas Reier, der auch die Möglichkeiten, die der OSP NRW/Rheinland im Bereich der Physiotherapie bietet, schätzt: „Die Physiotherapie tut mir sehr gut – zur Regeneration, zur Vorbeugung und bei Verletzungen – und ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben.“ Genauso arbeitete er gemeinsam mit Mitarbeitenden des OSP seine Pläne für den Kraftraum aus, nimmt die Laufbahnberatung in Anspruch, nutzt die zur Verfügung gestellten Nahrungsergänzungsmittel und freut sich über Fotoshootings für Autogrammkarten. „Wir bekommen wirklich viel Unterstützung“, fasst Thomas Reier zusammen.

Mit dem Vater gemeinsam im Team

Auch seine Vereinskollegin Lisa Bergenthal ist dankbar für die zahlreichen Serviceleistungen, die der OSP NRW/Rheinland anbietet. Ob z. B. Ernährungsberatung, sportpsychologische Unterstützung, physiotherapeutische Betreuung oder die Möglichkeit, über den Trainingsplan für das eigenständig durchgeführte Krafttraining zu sprechen: „Die Mitarbeitenden sind sehr kompetent und jederzeit ansprechbar. Es gibt mir viel Sicherheit, wenn ich weiß, dass ich mich spontan mit allen Anliegen an jemanden wenden könnte. Gerade bei sensiblen Themen ist es außerdem sehr wichtig, dass man ein gutes Verhältnis zu den Ansprechpersonen entwickelt“, so Lisa Bergenthal.

Die 26-Jährige geht während der Bundesligasaison wie Thomas Reier vier- bis fünfmal pro Woche abends zum Teamtraining. Vormittags absolviert sie zusätzliche Trainingseinheiten, z. B. in Form von Wurftraining, Krafttraining oder Training mit einem Trainer in einer kleinen Gruppe. Um ihr großes Ziel, die neuerliche Teilnahme an den Paralympischen Spielen zu erreichen, legt die Perspektivkaderathletin des DBS den Fokus derzeit auf den Leistungssport. An der Uni hat sie sich nach eigener Aussage „den Druck genommen“, ihr Studium der Erziehungswissenschaften in der Regelstudienzeit zu absolvieren. „Es ist für mich ein großes Privileg, dass ich vom Sport leben kann. Ich war schon zweimal bei den Paralympics dabei – diese Erlebnisse kann man mir nicht mehr nehmen. Ich denke, das Studium ist die beste Zeit, um Leistungssport zu machen. Viele meiner Mitspielerinnen und -mitspieler befinden sich aktuell im Studium. Wenn man später im Beruf steht, ist man nicht mehr so flexibel“, sagt Lisa Bergenthal.

Die Goldmedaillengewinnerin im 3×3 Rollstuhlbasketball bei den Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games spielt bereits seit ihrer Jugend Rollstuhlbasketball. In Kontakt mit der Sportart kam sie durch ihren Vater: „Ich war schon immer eine Teamsportlerin – und ich mag, dass wir Mixed spielen. Das hat mich in der Vergangenheit sehr geprägt. Ich habe die gleiche Behinderung wie mein Vater, der während seines Studiums mit Rollstuhlbasketball begonnen und später viele Jahre in der Bundesliga gespielt hat. Wir haben es tatsächlich geschafft, dass wir zwei Saisons in der gleichen Liga – und auch im gleichen Team – gespielt haben. Das ist ansonsten kaum im Sport möglich“, erzählt Lisa Bergenthal. Geschlecht, Alter, körperliche Einschränkung oder nicht: All dies spielt im Rollstuhlbasketball keine Rolle – vielmehr steht immer der Teamgedanke im Vordergrund.

Gleichzeitig sei Rollstuhlbasketball ein „flinker, athletischer Sport“, beschreibt Lisa Bergenthal die Sportart, die sie seit 2018 professionell ausübt und in der sie seit 2021 der Nationalmannschaft der Damen angehört. „Im Rollstuhlbasketball ist der Rollstuhl ein Sportgerät und alle sind immer fasziniert, wenn sie sehen, wie schnell man sich damit bewegen kann und wie die Rollstühle im Spiel gegeneinander krachen. Der Rollstuhl wird plötzlich zu etwas ganz Neuem“, sagt Lisa Bergenthal und ergänzt: „Rollstuhlbasketball hat mich zu der Person gemacht, die ich bin, und mir gezeigt, was ich erreichen kann.“

Von Oktober bis Mai liegt Lisa Bergenthals Fokus auf der Bundesliga. Nach Beendigung der Saison stehen dann zahlreiche Trainingslager mit der Nationalmannschaft an. Üblicherweise finden diese alle zwei Wochen für vier bis fünf Tage statt. Trainiert wird auch dabei zweimal pro Tag. Während in der Bundesliga Damen und Herren gemeinsam ein Team bilden, haben die Spielerinnen und Spieler jeweils eigene Nationalmannschaften. „Ich finde es super, dass die Damen eine separate Nationalmannschaft haben. Ich liebe die Saison mit den Jungs, aber freue mich anschließend auch immer über die Mädels. Beides hat Vor- und Nachteile und die Abwechslung ist sehr schön“, sagt Lisa Bergenthal, die in beiden Bereichen auch unterschiedliche Rollen einnimmt. So kommt ihr in der Nationalmannschaft die Ehre zu, Spielführerin zu sein und somit auch besonders viel Verantwortung zu tragen. In der Bundesliga fungiert sie hingegen in erster Linie als Passgeberin.

„Dass ich verschiedene Rollen habe, ist cool, aber auch schwierig. Man muss sich darauf immer wieder erst einstellen“, sagt die 26-Jährige in Bezug auf die Aktivitäten auf dem Spielfeld und die mit der jeweiligen Rolle verbundenen Erwartungen, die an sie gerichtet werden. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass auch der Ball ein anderer ist: Während in der Bundesliga mit einem 7er-Ball – also dem Ball für die Herren – gespielt wird, spielen die Damen in der Nationalmannschaft mit dem etwas kleineren und leichteren 6er-Ball. So ergibt sich ein stetiger Wechsel zwischen dem großen Ball, mit dem Lisa Bergenthal im Vereinstraining aktiv ist, und dem kleineren Ball, der bei Trainingslagern der deutschen Rollstuhlbasketballerinnen zum Einsatz kommt. „Ich möchte mich in jedem Fall noch weiter verbessern und die Rollen, die ich in den verschiedenen Teams habe, noch besser umzusetzen. Anfangs war Rollstuhlbasketball für mich ein Hobby, aber jetzt gehe ich jede Trainingseinheit an, wie ich eine berufliche Tätigkeit angehen würde – eben professionell“, so die 26-Jährige, der auch die Förderung des Nachwuchses am Herzen liegt: „Wir führen im Verein viele Inklusionsprojekte vor, mit denen wir Kindern und Jugendlichen den Sport nahebringen möchten. Auch viele Kinder und Jugendliche ohne Behinderung haben großen Spaß an Rollstuhlbasketball und der Koordination von zwei Sportgeräten.“

Zahlreiche Trainingslager im Sommer

Für die Spielerinnen und Spieler, die der Nationalmannschaft angehören, sind während der Saison zwei „Nationalmannschaftsfenster“ eingeplant: zum einen im Januar und zum anderen über Ostern. Über Ostern absolvieren traditionell die Nationalmannschaft der Herren sowie die männlichen U23- und U19-Nationalteams ein drei- bis viertägiges gemeinsames Camp, in welchem – von Mitarbeitenden des OSP NRW/Rheinland – auch verschiedene Testungen (Athletiktest, Ausdauertest etc.) durchgeführt werden.

Für die Nationalmannschaften liegt der Schwerpunkt aber im (Früh-)Sommer: Nach dem Finale um die Deutsche Meisterschaft sind in der Regel drei bis vier Wochen Pause vorgesehen, ehe im Juni, Juli und August eines jeden Jahres die leistungsstärksten Rollstuhlbasketballerinnen und -basketballer Deutschlands zu mehreren Trainingslagern zusammenkommen, um sich auf das jeweils bevorstehende Großereignis vorzubereiten. In „geraden Jahren“ wie 2026 ist dies die Weltmeisterschaft, in „ungeraden Jahren“ die Europameisterschaft. Die nächsten Paralympischen Spiele stehen 2028 in Los Angeles/USA an. Um zum einen Abwechslung zu schaffen und zum anderen dafür zu sorgen, dass nicht einige Teilnehmende immer eine sehr weite Anreise haben, werden die Trainingslager bundesweit durchgeführt. Beliebte Austragungsorte sind etwa Bayreuth, Hamburg, Hannover, Kienbaum in Brandenburg oder Köln.

In der unmittelbaren Vorbereitung auf die WM oder EM werden im Rahmen der Trainingslager oftmals auch Testspiele gegen andere Nationen ausgetragen. 2025 etwa waren die deutschen Rollstuhlbasketballer in Bordeaux zu Gast, wo sie Partien gegen Frankreich austrugen. In diesem Sommer erfolgt der Gegenbesuch in Bayreuth. Tradition hat zudem der „NATIONSCUP COLOGNE“, der alljährlich vom Bundesligaverein RBC Köln 99ers – und damit vom Verein von Thomas Reier und Lisa Bergenthal – ausgerichtet wird und bei dem sich ebenfalls die Topnationen miteinander messen.

Als „beste Nation der Welt“ bei den Herren bezeichnet Jan Haller, der seit dem Sommer 2025 als Headcoach der Herrennationalmannschaft fungiert, die USA. „Sie sind amtierender Weltmeister und haben schon dreimal bei den Paralympics Gold gewonnen. Aber auch die Basketballspieler der USA sind ja enorm erfolgreich und Basketball ist in den USA gewissermaßen ein Volkssport – wie bei uns Fußball“, hebt der Cheftrainer hervor. In Europa seien die Engländer „das Maß aller Dinge“, wenngleich Spanien 2025 den EM-Titel gewann, so Jan Haller, der bei den Paralympischen Spielen 2024 noch als Spieler Bronze holte und insgesamt mehr als 300 Länderspiele bestritt.

Die deutschen Herren zählen nach Aussage des Cheftrainers zu den „Top 8 der Welt“. „Bei den Herren gibt es eine unheimlich hohe Leistungsdichte. Wir haben bei der EM 2025 Bronze gewonnen, hätten aber genauso Sechster werden können. Dass im Topbereich jeder jeden schlagen kann und manches Ergebnis von der Tagesform abhängig ist, macht aber zugleich die Spannung aus“, so Jan Haller. Bei den Damen sind die Niederlande „das, was die USA bei den Herren ist“, meint der Cheftrainer – also überragend. Doch auch im weiblichen Bereich agieren die USA, und genauso England, „richtig stark“. Deutschland zählt hier gleichsam zu den besten sechs bis acht Nationen der Welt.

In der Bundesliga dominieren der RSV Lahn-Dill aus Wetzlar und die RSB Thuringia Bulls aus Elxleben seit vielen Jahren das Geschehen. Um die weiteren Play-off-Plätze spielen üblicherweise die Teams aus Hannover, Köln, Münster, Trier und Wiesbaden. „Die ersten beiden sind weit enteilt, aber zwischen den Teams auf den Plätzen drei bis sieben geht es immer heiß her“, erläutert Jan Haller. 2026 beendeten zwar die Rhine River Rhinos aus Wiesbaden zum ersten Mal die Hauptrunde als Tabellenzweiter, d. h. „es gibt immer mal wieder die eine oder andere Überraschung. Es sollten aber mehr sein“, so Lennart Bargel, Leiter des Vorstandsbüros im DRS-Fachbereich Rollstuhlbasketball.

Leichter Zugang zur Sportart

 Wichtig ist dem Fachbereich Rollstuhlbasketball im DRS, in den nächsten Jahren den Jugendbereich noch stärker zu entwickeln. Denn bislang existiert kein Jugendspielbetrieb, d. h., es gibt noch kein Ligensystem für die Heranwachsenden. Dabei wäre ein solcher bzw. solches enorm wichtig, um auch langfristig eine starke Nationalmannschaft im Erwachsenenbereich zu haben. Derzeit versucht der Fachbereich, durch spezielle Maßnahmen und Veranstaltungen mehr junge Menschen ans Spielen zu bekommen. Ansonsten müsste der Nachwuchs direkt im Spielbetrieb der Erwachsenen aktiv werden – was sich aufgrund des deutlich höheren Leistungsniveaus als schwierig erweist. Die verschiedenen Angebote werden von den Jugendlichen gut angenommen: Der Fachbereich Rollstuhlbasketball im DRS konnte bei den bisherigen Events im Jahr 2026 die Anzahl der Teilnehmenden im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln.

Wer es in die Nationalmannschaft der Erwachsenen geschafft hat, hat – so Cheftrainer Jan Haller – nicht allein einen „vollgepackten Sommer“, sondern muss im Grunde in 10,5 von zwölf Monaten „richtig Gas geben“. Von Oktober bis Mai, also während der Saison, ist der Headcoach regelmäßig bei Bundesligabegegnungen zugegen und beobachtet die einzelnen Spielerinnen und Spieler. Gleichzeitig befindet er sich im ständigen Austausch mit den Vereinstrainerinnen und -trainern, sodass er frühzeitig vor dem jeweiligen Topevent abschätzen kann, wer den Sprung in den Kader schaffen könnte.

Für die WM, die EM und die Paralympischen Spiele können von jeder Nation bis zu zwölf Spielerinnen bzw. Spieler nominiert werden. In diesem Jahr wird Jan Haller Anfang Juli 15 Spieler in den vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft in Kanada berufen, ehe er sich kurze Zeit später auf zwölf Personen fokussieren muss. So haben die 15 Athleten, ergänzend zu ihren Auftritten in der Saison, bei zwei Camps die Möglichkeit, sich für das Großereignis zu empfehlen. „Mit den zwölf Spielern absolvieren wir dann die restlichen Camps. Aus meiner Sicht ist es wichtig, den Kader frühzeitig klar zu haben, damit man frühzeitig mit dem Teambuilding beginnen und frühzeitig jedem Spieler eine bestimmte Rolle geben kann“, erläutert der Cheftrainer.

Jan Haller begeistern an Rollstuhlbasketball insbesondere die Athletik und die Schnelligkeit des Sports. Gleichzeitig sei Rollstuhlbasketball ein „unheimlich inklusiver Sport. Jeder kann seinen Platz finden und sich verwirklichen“, so der Cheftrainer. Oftmals würden z. B. Geschwister den Sport gemeinsam ausüben, von denen eine Person eine Einschränkung aufweist. „Dass bis einschließlich der Bundesliga Damen und Herren zusammenspielen, macht es noch offener und bietet die Möglichkeit, den Zugang zur Sportart noch leichter zu finden“, ergänzt Lennart Bargel.

Hilfreich, um neue Athletinnen und Athleten für Rollstuhlbasketball zu gewinnen, sind nach Einschätzung von Jan Haller gleich mehrere Aspekte: Zum einen spielt die Nähe der Sportart zum Basketball eine Rolle: „Jeder, der davon fasziniert ist, ist auch leicht für Rollstuhlbasketball zu begeistern“, meint der Cheftrainer. Gleichzeitig profitiere die Sportart stark von den Erfolgen des Deutschen Basketball Bundes (DBB) in den vergangenen Jahren: Die Herren sind amtierender Welt- und Europameister, außerdem gewannen die 3×3 Basketballerinnen bei den Olympischen Spielen in Paris die Goldmedaille. Von großer Bedeutung ist zudem, dass die Sportart keiner großen Erklärung bedarf, da es viele Überschneidungen mit der Sportart Basketball gibt: So sind z. B. die Regeln – bis auf kleine Abweichungen – ebenso wie die Linien identisch. „Jeder, der Basketball versteht, versteht auch Rollstuhlbasketball. Die Schwelle, sich für Rollstuhlbasketball zu interessieren, ist damit eventuell geringer“, weiß Jan Haller.

Vielfältige Testungen zur Optimierung der Leistung

Um die deutschen Nationalmannschaften bestmöglich auf die jeweiligen Großereignisse vorzubereiten, unterstützt der OSP NRW/Rheinland die Rollstuhlbasketballerinnen und -basketballer im Bereich der Diagnostik sehr intensiv. So führen die Mitarbeitenden des OSP mehrmals pro Jahr ein sogenanntes Screening durch, welches sich aus verschiedenen Tests zusammensetzt. Genauso betreuen die Mitarbeitenden des OSP die Nationalmannschaften bei mehreren Trainingslagern pro Jahr und tragen mit ihren Untersuchungen und daraus resultierenden Empfehlungen dazu bei, dass die Belastung bei den Aktiven bestmöglich gesteuert werden kann. Neben diesen, jeweils fest eingeplanten, Tätigkeiten erreichen die Mitarbeitenden nicht selten auch hin und wieder Anfragen mit Bezug zu wissenschaftlichen Themen. Bei den Damen bekommt zudem das Thema „zyklusbasiertes Training“ seit einiger Zeit zunehmend Bedeutung. Ausgewählte Tests „zwischendurch“, z. B. Ausdauertests, sind ebenfalls üblich.

Die Nationalmannschaft der Herren etwa durchläuft üblicherweise dreimal im Jahr eine umfangreiche Testung. Das Screening beinhaltet u. a. einen Sprinttest, einen Test zur Überprüfung der Agilität, Krafttests (z. B. Bankdrücken und -ziehen, verschiedene Würfe mit dem Medizinball), einen Ausdauertest und eine speziell an Rollstuhlsportlerinnen und -sportler angepasste Rumpfkraft-Messung. „Gerade bei stärker eingeschränkten Athletinnen und Athleten ist es schwierig, Werte zur Rumpfkraft zu bekommen. Wir haben daher eine spezielle Messung entwickelt, in der wir den Athleten oder die Athletin mit dem Rollstuhl als eine Einheit betrachten. Denn beide zusammen müssen auf dem Spielfeld optimal agieren“, erläutert OSP-Mitarbeiterin Paula Lassner die isometrische Kraftmessung, bei der die Sportlerinnen und Sportler mit ihrem Rollstuhl in die Messapparatur eingespannt werden.

Da aufgrund der unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen der Spielerinnen und Spieler Vergleiche zwischen den Athletinnen und Athleten nicht gut möglich sind, geht es bei den Testungen in erster Linie um einen Längsschnittvergleich, d. h., es wird überprüft, wie sich die betreffende Person in einem gewissen Zeitraum in Bezug auf verschiedene Parameter entwickelt hat. Diese regelmäßige Leistungsüberprüfung hat sich bewährt: Seit rund zehn Jahren nehmen die Mitarbeitenden des OSP NRW/Rheinland diese bereits vor.

Noch relativ „jung“ ist die Betreuung, welche die Mitarbeitenden im Rahmen von Trainingslagern der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaften vornehmen. „Wir erheben morgens bei allen Athleten bestimmte Blutparameter, an denen wir erkennen können, wie belastend das Training am Vortag war. Vor dem nächsten Training wird dann im Austausch mit dem Cheftrainer, dem Co-Trainer, dem Athletiktrainer und dem medizinischen Staff – auch in Zusammenarbeit mit den betreffenden Athleten – entschieden, ob eine Trainingspause eingelegt wird. Dies machen wir im Trainingslager an jedem Tag. Dadurch sollen Überbelastungen und daraus resultierende Verletzungen vermieden werden“, so Franziska Moser. Ihre Kollegin Paula Lassner ergänzt: „Die Sportlerinnen und Sportler nehmen die Testungen sehr gut an, da sie wissen, welchen Benefit sie mitbringen. Auch für das Trainerteam sind diese Testungen sehr hilfreich. Sie ergeben einen Anhaltspunkt, was im Körper der betreffenden Sportlerinnen und Sportler los ist.“

2026 fand – über Ostern – zum zweiten Mal ein Screening in einem größeren Rahmen statt, an welchem nicht nur die Nationalmannschaft der Herren, sondern auch die Nationalmannschaften der Damen sowie die männliche U19- und die männliche U23-Nationalmannschaft teilnahmen. „Dass da so viele Spielerinnen und Spieler zusammen waren, war richtig cool“, blickt Franziska Moser zurück. Das nächste Screening der Nationalmannschaft der Herren ist für Mitte/Ende Juni geplant, die Begleitung weiterer Trainingslager mit entsprechenden Testungen folgen in den Monaten danach. Ziel des Screenings ist, Stellschrauben zur Leistungsverbesserung auszumachen, d. h. zu ermitteln, woran im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2026, die im September in Kanadas Hauptstadt Ottawa ausgetragen wird, noch gearbeitet werden sollte.

Text: Claudia Pauli
Bilder: OSP / Peter Eilers