Kolumne "Geistreich": Von Dichtern und Denkern

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Von Dichtern und Denkern

Deutsch, unsere Muttersprache, wird ja gerne mal als die Sprache der Dichter und Denker gepriesen. Nicht leicht zu erlernen, aber ausdrucksstark und facettenreich. Das geht zweifellos zurück auf sprach- und schriftstellerische Ausnahmetalente wie Schiller, Goethe oder Lessing. Da ich kein Germanist bin, versuche ich gar nicht erst eine (Rang-)Liste derer zu erstellen, die zu unserem Ruf in der Welt beigetragen haben. Es gäbe zu viele und die Auflistung wäre zu lang. Aber eins haben deren Werke gemeinsam: Sie haben ein international anerkanntes Niveau, dass sie zu Klassikern der Literatur macht.
Neben den Schriftstellern und Dichtern haben auch die Wissenschaftler und Erfinder zu unserem Ruf beigetragen. Albert Einstein, Rudolf Diesel, Robert Koch, Werner von Siemens - die Liste würde so lang werden wie die der Schriftsteller. Eine grundlegende deutsche Erfindung, die Dichter und Denker vereint, war zweifellos die des Buchdrucks durch Gutenberg. Der Druck und die Möglichkeit der Vervielfältigung ermöglichte alles Gedichtete und Gedachte einer breiteren Masse Menschen zugänglich zu machen und auch Lehrbücher zu verfassen, die das erreichte Niveau sichern können. Doch Sprache verändert sich und das schmeichlerische Image bröckelt. Lesen wäre – Gutenberg sei Dank -  eine gute Möglichkeit sich weiter zu bilden und auch sprachlich zu entwickeln. Doch scheinbar machen das zu wenige Menschen. Stattdessen wird ferngesehen und so schaffte es eine Fremd-Schäm-Sendung wie das Dschungelcamp auf die Vorschlagsliste für den renommierten Grimme-Fernsehpreis. Sie hat ihn nicht gekriegt, aber ich frage mich, wie wir auf diesem Niveau unserem Ruf als Dichter und Denker noch gerecht werden wollen.
Sprache ist halt lebendig und entwickelt sich. An Anglizismen und Fremdworten geht kein Weg mehr vorbei und auch die Jugendworte gehören dazu. Auch wenn ältere Leute wie ich nicht einmal erahnen können, was deren Bedeutung ist. Mit Dichtern und Denkern hat das aber sicher nicht mehr viel zu tun.

Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich wäre ein ewig Gestriger, der gegen jede Weiterentwicklung ist. Mir ist bewusst, dass ein Großteil unserer Worte ihren Ursprung im Griechischen, Lateinischen oder einer anderen Sprache haben. Das ist auch nicht schlimm, man lernt diese Worte ja mit der Zeit und benutzt sie selbst. Allerdings gebe ich zu, dass ich auch im fortgeschrittenen Alter manchmal Begriffe mehrmals lesen und nachschlagen muss. Insbesondere die, die aus Gründen rechtlicher Unanfechtbarkeit in unseren Behörden ersonnen und genutzt werden.
Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung zum Beispiel. Auf den bin ich gestoßen, als ich ein Interview mit dem Journalisten Lorenz Meyer über Beamtendeutsch gelesen habe. Es ging darin um das Ausfüllen von Formularen für die Grundsteuererklärung und BAföG, was den Mann dazu veranlasst hat eine Sammlung von Begriffen aus deutschen Amtsstuben zusammen zu stellen. Unglaublich, was es da so gibt. Dazu eine kleine (erfundene) Geschichte, die unterstreicht, dass Deutsch eher nicht mehr die Sprache der Dichter und Denker ist.

Im August war ich mit meiner Frau an der Ostsee mit meinem kleinen Wohnmobil im Urlaub. Auf dem Campingplatz gab es keine nichtlebenden Einfriedungen (Zäune) und wir hatten viel Platz unter einem raumübergreifenden Großgrün (Baum). Es war ruhig und nur ein der Hautfarbe nach vermutlich deutscher Staatsbürger anderweitiger Nationalität (eingebürgerter Ausländer) kümmerte sich um die Spontanvegetation (Unkraut). Sein Dreiseitenkipper (Schubkarre) war schon gut gefüllt…. Sie glauben nicht, dass es das gibt? Einfach mal googlen! Also für mich gehören die deutschen Beamten und Behörden ohne Zweifel auch noch auf die o.g. Liste der Wortakrobaten, allerdings nicht im positiven Sinn.
Ich frage mich, wie z.B. Menschen, die mit intellektuellen Einschränkungen leben müssen, damit klarkommen sollen. Oder Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Dafür gibt es eigentlich die Leichte Sprache, die aber in den Schriftstücken der Behörden noch nicht überall Einzug gehalten hat. Eine Sprache von Dichtern und Denkern ist das natürlich auch nicht, aber die Menschen verstehen wenigstens worum es geht. Wie in den Märchen der Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm (Brüder Grimm). Die verstand früher jedes Kind. Rotkäppchen sollten Sie sich dennoch auf YouTube noch einmal anhören. Vielleicht macht uns das toleranter gegenüber Leuten, die unsere Sprache verhunzen.

Herzlich grüßt

Andreas Geist