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Kolumne "Geistreich": Tikt und Tokt es noch richtig?

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Da ich das Jugendalter schon ein paar Jahrzehnte hinter mir habe, war zu erwarten, dass mir irgendwann Begriffe begegnen, die die jungen Leute heutzutage benutzen, ich aber zuvor noch nie gehört hatte. So bin ich erst kürzlich auf einen mir unbekannten Begriff gestoßen: „Looksmaxxing“.
Da im Alter so ziemlich alles nachlässt bis auf die Neugier, habe ich natürlich eine Suchmaschine angeworfen und war entsetzt. Looksmaxxing ist ein schon nicht mehr ganz neuer Trend zur Selbstoptimierung in den „Sozialen“ Medien und natürlich besonders bei TikTok.
Es werden gezielt junge Männer angesprochen, die durch eine Verbesserung ihres Aussehens Eindruck bei Frauen schinden wollen und sich so Partnerinnen erhoffen.
Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn junge Leute Sport treiben und hart trainieren, am BMI arbeiten, sich modisch kleiden usw. Im Gegenteil, sie haben erkannt, dass man sich mit Fleiß und Konsequenz optimieren kann und sie haben ein Ziel, auf das sie hinarbeiten.
ABER, wenn Looksmaxxing so weit geht, dass sich die jungen Männer -Tik Tik Tik- mit einem Hämmerchen die Jochbeine zertrümmern oder -Tok Tok Tok- auf harten Gegenständen kauen um einen breiten Kiefer und eine markante, männlich wirkende Gesichtsmuskulatur zu bekommen, endet mein Verständnis. Die Alarmglocken schrillten bei mir, als ich beim Recherchieren auf einen Beitrag des Bayerischen Rundfunks stieß: „Looksmaxxing ist weder eine Erfindung der Beauty- noch der Fitness-Szene, sondern einer Gruppe rechtsextremer Frauenhasser.“ Den Begriff haben laut BR erstmals „Incels“ verwendet, die z.T. vom Bayerischen Verfassungsschutz beobachtet werden (Seite 179 im Bericht). Die Bezeichnung „Incel“ kannte ich auch nicht. Sie steht für "involuntary celibate". Junge Männer, die ungewollt zölibatär leben. Sie sind überzeugt, dass sie aufgrund ihres wenig attraktiven Aussehens von Frauen ablehnt werden. Und sie behaupten, dass mit einer von ihnen erfundenen Punkteskala messen zu können. Diese Skala bewertet die Gesichtsproportionen. So sind Männer, die in den unteren Stufen verortet werden UNTERMENSCHEN!!!
Drängt Ihre letzte Mahlzeit gerade mit Macht wieder ans Tageslicht? Das könnte ich verstehen, denn das „Incel-Schönheitsideal erinnert an das arische NS-Ideal. Hohe Wangenknochen, starke Kieferpartie, tiefe Brauen, makellose Haut, trainierter Körper, weiß, nordeuropäisch“ (Zitat BR24). Es lohnt sich, die oben verlinkten Texte einmal aufzurufen und zu lesen.
Tja, die TikTok Trends und Challenges sind schon speziell und die Seite wird offenbar gerne genutzt, um junge Menschen ideologisch auf Linie zu trimmen. Leider scheinen die Rechtsextremen dabei führend zu sein.
Ob es etwas hilft, wenn die Schul- und Bildungsministerien der Länder auch aktiv(er) werden??? Die Ergebnisse der letzten Pisa-Studie sollten nachdenklich machen. Wenn die Jugend nur noch Filmchen guckt und Influencern folgt statt selbst zu lesen, zu rechnen und sich den Natur- und andern seriösen Wissenschaften zu widmen, könnte das vielleicht etwas helfen.
Für die Wahlen in MäcPom und Berlin käme das zu spät, um kritisches Denken zu fördern. Aber denken wir langfristig! Der Weltuntergang ist zwar gewiss, aber noch nicht im letzten Quartal 2026.

Gleich morgen früh beginne ich mit meinem eigenen Looksmaxxing! Ich putze die Zähne mit Whitening Zahnpasta, werde mich gründlich rasieren, Gesichtscreme auftragen, beim Friseur war ich gestern schon. Und ja, auch das Kalorienzählen fange ich wieder an – der verflixte BMI… Vielleicht werde ich ja doch noch ein Beauty-Rentner.
Bin gespannt, wie meine Frau darauf reagiert (werde es aber hier nicht berichten).
 

Auch wenn es jetzt langsam wieder grau und trübe wird:
Ich wünsche Ihnen einen goldenen Oktober!

Ihr
Andreas Geist