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Kolumne "Geistreich": Rubel statt Inklusion?

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Der Rubel muss rollen. Aber nur sprichwörtlich, denn in der derzeitigen Situation wird ja versucht, genau das zu unterbinden und die russische Wirtschaft um des Friedens willen auszubremsen. In anderen Bereichen soll aber Geld verdient werden, was ja auch in Ordnung ist, solange es im Rahmen der geltenden Gesetze passiert und ethisch-moralisch vertretbar ist. Das mit den Gesetzen ist aber so eine Sache. Seit dem Jahr 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention geltendes Recht in Deutschland und vielen anderen Staaten. Und diese UN-Konvention verpflichtet zur Inklusion, d.h. Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu schaffen, unabhängig von individuellen Merkmalen wie Behinderung, Herkunft, Geschlecht, Alter usw. Doch müsste man nach siebzehn Jahren manchen Institutionen ein Zeugnis ausstellen, stände darin wohl nur „Hat sich bemüht“…
Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist eine Werbekampagne der Deutschen Bahn zu den olympischen Winterspielen. Inhaber der Probebahncard Gold durften am Tag nach dem Gewinn einer Goldmedaille durch das Deutsche Team einen Tag lang kostenlos reisen. Ein feiner Marketing-Gag um den Verkauf von Bahncards zu pushen. Der Rubel muss ja rollen.
Ich will jetzt nicht so weit gehen es einen Gesetzesverstoß zu nennen, aber die Aktion galt nicht für den Gewinn einer paralympischen Goldmedaille und da liegt der Hase im Pfeffer. Die Bahn als Unternehmen des Bundes erlaubt sich den Fauxpas, die Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung nicht zu berücksichtigen! Widerspruch und Kommentare in den Medien waren dann auch entsprechend heftig.
Auch der DOSB-Chef Otto Fricke hat das heftig kritisiert. Nicht wegen der Ausgrenzung der Paralympioniken, sondern weil der olympische Sport als Werbemittel genutzt wurde, ohne dass der Sport dafür finanziell unterstützt wurde. Der Rubel schon wieder.

Vielleicht klappt es ja bis zu den Olympischen und Paralympischen Spielen 2036, 40 oder 44, um deren Ausrichtung wir uns mit Köln und der Rhein-Ruhr-Region gerade als Ausrichter bewerben. Gerade haben die Bürger schriftlich darüber abgestimmt, ob sie für oder gegen die Spiele in ihren Städten sind. Mich freut es sehr, dass sie mehrheitlich dafür gestimmt haben, obwohl es eine „Nolympia“ Kampagne dagegen gegeben hat. Die Hauptargumente der Gegner waren die entstehenden Kosten und die Befürchtung, dass die angestrebte Nachhaltigkeit der Spiele nicht erreicht werden kann. Natürlich war es ihr gutes Recht dagegen zu sein, aber nur weil die Planungen an anderen Austragungsorten nicht wirklich funktioniert haben zu behaupten: Das wird hier auch nicht klappen, halte ich für falsch.
OK, in Köln hat man so seine Erfahrungen mit Dingen, die in die Hose gegangen sind: U-Bahnbau, Stadtarchiv, Oper usw. Immerhin soll letztere ja jetzt endlich fertig werden, ca. 20 Jahre nach dem Ratsbeschluss das alte Opernhaus zu sanieren. Aber aus Fehlern wird man klug, und auch aus Fehlern anderer kann man lernen. Und wenn künftig kein neues Projekt mehr in Angriff genommen wird, weil vergleichbare Veranstaltungen, Bauprojekte usw. hier oder anderswo aus dem Ruder gelaufen sind - Prost Mahlzeit. Dann könnten wir auch gleich die Hoffnung aufgeben, dass gelebte Inklusion in unserer Gesellschaft irgendwann selbstverständlich wird.
Besser wäre es sich mit einzubringen. Auch mit Bedenken und Verbesserungsvorschlägen, denn dann kann man Dinge in die richtige Richtung lenken und verhindern, dass da etwas komplett daneben geht.

Auf die nächsten Werbekampagnen der Deutschen Bahn (und anderer Unternehmen) bin ich gespannt. Es kann nur besser werden!

Herzlich grüßt

Ihr
Andreas Geist