Ich wohne recht ruhig mit Blick in große Gärten der Anwohner und bis in die Hees, einer kleinen, bewaldeten Hügelkette im Süden von Xanten. Eigentlich ein Paradies für Vögel. Viele Hecken und Bäume, wenig Verkehr und reichlich Futter. In den vergangenen Jahren war das Federvieh hier auch artenreich vertreten. Meisen, Buchfinken, Amseln, Rotkehlchen und was sonst noch so rumflattert.
Sobald morgens die Dämmerung anbrach wurde ich regelmäßig von vielfältigem Gezwitscher und Gesang geweckt. Ich mag das, da ich ohnehin kein Langschläfer bin und meist früh aufstehe.
In diesem Jahr ist aber alles anders. Es gibt zwar reichlich Vögel, aber offenbar nur noch Tauben und Krähen. Nix mehr mit vielfältigem und abwechslungsreichem Gesang, nur noch gurren oder krächzen. Mal unterschiedlich laut, aber immer penetrant ausdauernd und immer die gleichen Rufe. Es gibt keine Vielfalt und Abwechslung mehr, nur noch zwei Tonlagen. Daher schließe ich oft in den Morgenstunden das Fenster und schotte mich ab. Nur gurr, gurr, krächz, krächz will ich nicht hören.
Vielleicht bin ich daher auf den NDR-Beitrag zu den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Amseln in einem Park in Kiel aufmerksam geworden. Diese imitieren Geräusche, die sie in ihrem Lebensraum hören, in diesem Fall das Alarmsignal von E-Rollern, die ein markantes Geräusch von sich geben, sobald sie unerlaubt bewegt werden. Da haben sich die Vögel, die eigentlich wunderschön und abwechslungsreich singen können, etwas eher Unschönes angeeignet. Und offenbar breitet sich das Phänomen rasant aus. Auch in anderen Teilen Kiels stimmen die Amseln inzwischen in diesen neuen „Gesang“ ein, übernehmen das Gehörte und geben es weiter.
Dass Vögel, insbesondere Papageien, so etwas machen, ist ja bekannt und in vielen Fällen erheiternd und lustig. Oder auch nicht, wie im englischen Lincolnshire Wildlife Park, in dem die Besucher von Graupapageien regelmäßig wüst beschimpft werden. Etwa „Du fetter Bastard“ (natürlich auf Englisch…) oder „fuck off“ u.a.m. sind wohl gut eingeübte und häufige Wortmeldungen.
Es kommt halt darauf an, was die ursprünglich unschuldigen Piepmätze so vorgebetet bekommen und wie sie dazu gebracht wurden, diese unflätigen Worte nachzusprechen. In diesem Fall braucht man wohl nicht erwähnen, dass die entsprechenden Papageien aus einer Auffangstation kamen. Hier wurden die wenig artgerecht gehaltenen Tiere aus dem entsprechenden Milieu aufgepäppelt und an den Park übergeben.
Nun haben Papageien und Amseln ein vergleichsweise kleines Gehirn. Umso erstaunlicher, was die sich so merken und wiedergeben können, auch wenn sie nicht wissen, was ihre nachgeplapperten Worte bedeuten.
Da sind wir Menschen doch ein anderes Kaliber. Wir denken nach, reflektieren die möglichen Wirkungen unserer Worte, wählen sie mit Bedacht, um niemanden zu verletzen oder zu diskriminieren. Wir wägen die Folgen unserer Handlungen ab und prüfen, ob diese Recht und Gesetz entsprechen und moralisch –ethisch einwandfrei und eines zivilisierten Menschen würdig sind.
Dabei versuchen wir, aus Fehlern in der Vergangenheit zu lernen, diese nicht noch einmal zu machen und neue zu vermeiden. Oder?
Einfach Stammtischparolen nachplappern, die uns vorgebetet werden, kommt nicht in Frage. Schließlich sind wir kritische Geister und prüfen den Wahrheitsgehalt und die Plausibilität von Aussagen und Meldungen, die wir, insbesondere in den „Sozialen“ Medien, so vorgesetzt bekommen. Natürlich kommen wir zu unterschiedlichen Ergebnissen, haben andere Meinungen, diskutieren, debattieren und streiten – und - raufen uns zum Wohle aller zusammen!
Leider, leider: Nur Utopie.
Diese Kolumne soll unpolitisch bleiben, wenn ich mir aber die Wahlergebnisse der letzten Zeit hier bei uns ansehe und bedenke, wie viele Wähler, insbesondere auch junge, auf die Parolen rechter Extremisten reinfallen, diese nachplappern und weiterverbreiten, wird mir angst und bange. Ein Großteil unserer Bevölkerung gurrt oder krächzt rechte Parolen, verdrängt die Lehren der Vergangenheit und geilt sich daran auf, aufgrund seiner Nationalität etwas Besseres zu sein als Menschen aus anderen Ländern, mit anderer sexueller Orientierung oder auch Menschen mit Behinderung.
Einzelne, verblendete Psychopaten, die andere Menschen attackieren und sogar töten, hat es immer gegeben und wird es immer wieder geben. Wer aber nur nachplappert, was rechtsextreme Agitatoren vorkrächzen oder - wenn sie gerade Kreide gefressen haben - vorgurren, ebnet Leuten den Weg an die Macht, die erwiesen rechtsextrem sind und denen unsere Demokratie und unser Rechtssystem am A…. vorbeigehen. Und: Die waren in der Vergangenheit keine psychopathischen und religiös radikalisierten Einzeltäter. Bitte noch einmal die Deutsche Geschichte ansehen.
Übrigens gibt es eine ältere Untersuchung einer Schweizer Hochschule mit etwas mehr als 100 Student*innen, wonach Personen, die Sauerkrautsaft trinken, zu fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen neigen und sich behinderten Menschen gegenüber weniger solidarisch zeigen. Ok, die Untersuchung würde einer genaueren Analyse wohl nicht standhalten. Mir hat sie aber ein Lächeln entlockt! Denn ich hatte sofort den Gedanken an die Gesichter einiger Politiker, die in Interviews unangenehme Fragen gestellt bekommen, mit ihren Naziparolen oder denen ihrer Parteigenossen und offenkundigen Falschaussagen konfrontiert werden.
Ob die Sauerkrautsaft statt Wasser in ihren Trinkgläsern hatten?
Wie dem auch sei. Für uns, unsere Demokratie und Freiheit wünsche ich mir, dass ebenjene Funktionäre dieser rechtsextremen Partei beim nächsten Christopher-Street-Day einen eigenen Wagen haben und richtig locker, geschminkt, kostümiert und in Strapsen abfeiern.
Erst dann, so glaube ich, könnte ich denen zujubeln. Aber nur, wenn ich sicher bin, dass die Maskerade nicht nur dem weiteren Stimmenfang dient.
Bitte bleiben Sie kritisch!
Herzlich grüßt
Ihr Andreas Geist