Erinnern Sie sich noch? Vor rund 20 Jahre wurde im Berliner Zoo der Eisbärwelpe Knut geboren. Der erste Eisbärennachwuchs in Berlin seit 30 Jahren. Eine kleine Sensation, die nicht nur national einen Hype um das putzige Tier auslöste, sondern auch international Schlagzeilen machte. Das zum Herzen niedliche Raubtier eroberte die Sympathien der Bürger im Sturm. Und weil eine so positive Stimmung gerne auch für das eigene Image genutzt werden kann, übernahm das Bundesumweltministerium unter der Leitung von Sigmar Gabriel die Patenschaft für das Kuscheltier. Die Post druckte sogar eine Sonderbriefmarke mit Knut und das Bärchen wurde als Symbolfigur für die 9. UN-Naturschutzkonferenz vorgeschlagen.
Aber Eisbären wachsen schnell und mit der Größe verging das Knuddelige. Aus dem Teddy wurde ein normaler Bär mit langen Zähnen und mächtigen Tatzen.
Damit war der Hype dann auch Geschichte, denn so ein erwachsener Eisbär weckt außer Angst und dem Wunsch nach Distanz wenig Gefühle.
An Knut fühlte ich mich erinnert, als ein junger Buckelwal vor ein paar Wochen in der Ostsee strandete. Natürlich hinkt der Vergleich. Knut wog bei seiner Präsentation im März 2007 9kg und war damit deutlich kuscheliger als Timmy (wer hat sich diesen Namen für einen Wal ausgedacht???). Der dürfte bei über 12m Länge mehrere Tonnen gewogen haben. Dass Wale flutschig sind wie Fische glaube ich nicht, aber ich bin sicher, dass Teddys deutlich kuscheliger sind und eher zum Streicheln und Kraulen taugen als Wale.
Aber auch Timmy flogen die Herzen zu und die Anteilnahme an seinem Schicksal und seinen Leiden war gigantisch. Teilweise mussten Menschen daran gehindert werden zu ihm ins Wasser zu steigen und ihn zu streicheln. Für mich absolut unverständlich, wenn man einem Tier eigentlich etwas Gutes tun will und es mit solch falsch verstandener Zuneigung noch mehr stresst und in Panik versetzt. Ich stelle mir das gerade umgekehrt vor. Ich schwimme im Meer und irgendein Meeresgetier kommt angeschwommen um mit mir Kontakt zu suchen und mich zu berühren. Es muss ja nicht einmal ein Wal sein. Ich käme nicht mehr ans Ufer.
Da sollten sich die Menschen doch besser ein Streicheltier aus dem Tierheim holen. Ein Hündchen oder Kätzchen genießt es bestimmt, wenn ihm der Pelz gekrault wird und sie regelmäßig gefüttert und versorgt werden.
Und damit bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mit Blick auf unseren Kulturkreis die Schultern zucke und bewundernd in buddhistische Länder schaue.
Dort gelten Tiere als fühlende Wesen, die nicht als Sachen betrachtet werden. Sie sind Teil des Kreislaufs von Geburt und Wiedergeburt und könnten in früheren Leben unsere Verwandten gewesen sein. Es ist nicht verboten Tiere zum Verzehr zu schlachten, aber sie zu quälen oder ihnen aus Spaß Leid zuzufügen, geht überhaupt nicht.
Und hier? Auf der einen Seite hat man positive Gefühle für ein Tier und setzt sich für sein Wohlergehen ein, aber auf der anderen Seite macht man ihm Angst und Stress, wie bei Timmy. Oder Leute kaufen sich einen kleinen Hund, den aber aus einer Qualzucht. Tiere, die von Geburt an unter schweren gesundheitlichen Problemen aufgrund ihrer angezüchteten Merkmale leiden wie Möpse, französische Bulldoggen oder auch bestimmte Katzenarten. Aber warum? Ich vermute, es ist wie so oft der kalkulierte Nutzen. Es ist in Mode ein auf (putzig?) gezüchtetes Tier zu besitzen. Ein Imagegewinn für die Tierhalter. Oder es ist wieder einmal der schnöde Mammon. Ein Welpe der genannten Arten kann locker 1.800€ kosten. Da kann man als Züchter schon mal darüber hinwegsehen, dass das Tier schnauft und röchelt, weil es nicht genug Luft bekommt.
Im Fall „Knut“ wurden mehrere Hunderttausend Euro an den Zoo Neumünster gezahlt, der der vertragliche Eigentümer des Bärchens gewesen wäre. Aber auch Berlin hat prächtig an dem Hype um Knut verdient. Und bei Timmy? Da wurde eine Rettungsaktion anfangs wegen mangelnder Erfolgsaussichten verweigert. Doch dann hat sich der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern doch noch des Tieres angenommen, wie einst Sigmar Gabriel.
Leider scheint es beim Tierwohl so zu sein wie überall: Wo Geld zu verdienen ist oder das eigene Image aufpoliert werden kann, enden die Sympathie und Freundschaft für das Tier allzu oft. Aus dem Kuscheltier wird ein Nutztier und wenn es genug einbringt auch gerne mal in Massentierhaltung. Die Bilder aus den riesigen Geflügel- und Schweineställen brauche ich nicht zu beschreiben.
Auch dort, wo Tiere im Sport „genutzt“ werden, gab es in der Vergangenheit schwarze Schafe. Das gehört inzwischen der Vergangenheit an, denn z. B. die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN hat das in den 90er Jahren verbreitete Barren und Touchieren inzwischen verboten.
Das ist gut so, denn für die meisten Reiter*innen sind Pferde liebenswerte Geschöpfe, sogar fast Familienmitglieder und Freunde (weiß ich von meinen Nichten). Und hier sehe ich sogar eine Ausnahme. Z.B. im Therapeutischen Reiten ist ein Pferd ein echtes Nutztier und leistet wertvolle Arbeit zum Wohl der Menschen.
Diejenigen aber, die das mit dem Tierwohl nicht so eng sehen, sollten zum Hobby Horsing verpflichtet werden! Einer Sportart aus Finnland, bei der die (überwiegend) Reiterinnen mit ihren selbstgebauten Steckenpferden in verschiedenen Disziplinen Rennen, Springen, Dressur und Western antreten. Da wird kein Tier gequält und die Reiter*innen sind die eigentlichen Sportskanonen. Stellen Sie sich vor, SportlerInnen, die beim verbotenen Barren erwischt werden, müssten öffentlich eine Runde durch den Parcours beim Chio in Aachen mit einem Steckenpferd drehen! Über Geldstrafen würden die sich eher totlachen. Ich lache schon allein bei dem Bild in meiner Phantasie und wünsche mir ein bisschen mehr buddhistische Einstellung in unserer Kultur.
Herzlich grüßt
Ihr
Andreas Geist
(der sich auch öfters mal fleischlos ernährt)