„Thanks for the warm-up“ titelte der englische TV-Sender Channel 4 nach den Olympischen Spielen 2012 in London – danke fürs Aufwärmen. Die Weltöffentlichkeit war elektrisiert von den Wettkämpfen im Herzen der englischen Hauptstadt und vielleicht ein bisschen traurig, dass die Spiele vorbei waren. Das Positive: Das stimmte nur so halb – denn zweieinhalb Wochen später starteten die Paralympics. Weshalb die Olympischen Spiele dort auch gerne – mit einem Augenzwinkern – „Generalprobe“ genannt werden. In Rio 2016 waren ganze Schulen in die Stadien gekommen, um für Stimmung zu sorgen. Die Tickets waren erschwinglicher, teils sogar kostenfrei. Und die Leute, die sich einen Besuch bei den Olympischen Spielen nicht leisten konnten, kamen so in den Genuss dieses einzigartigen Sportereignisses. In Paris 2024 wurden schon vor dem Beginn der Paralympics mehr als zwei Millionen Tickets verkauft.
Paralympics, das ist Leistungssport
Der Erfolg der Paralympics liegt auch darin, dass die Spiele nahbarer sind, emotionaler, vielfältig. Während Ausnahme-Weitspringer Markus Rehm die Neun-Meter-Marke angreift und zuletzt mit seiner Prothese oft weiter gesprungen ist als der olympische Weitsprung-Sieger, sind die Rennrollstuhlfahrer*innen ab 800 Meter aufwärts auch schneller unterwegs in ihren Hightech-Stühlen als die „Fußgänger“. Paralympics, das ist Leistungssport – der sich hinter dem olympischen Spitzensport nicht verstecken muss. Eine Zusammenlegung der Spiele, wie sie einige fordern, wäre herausfordernd, nicht nur organisatorisch: In Paris gab es bei den Paralympics bei den Männern 16 verschiedene 100-Meter-Läufe, weil die verschiedenen Behinderungsarten in unterschiedlichen Klassen antreten. Klassifizierung heißt das und wird in der Para Leichtathletik in Nummern angegeben, davor ein T für Track für die Bahn-Wettbewerbe oder ein F für Field für die technischen Wettbewerbe.
"Nirgendwo sonst wird der Paralympische Sport in seiner Kompaktheit und Vielfalt so authentisch gelebt wie in NRW." Anja Surmann, Vorsitzende BRSNW
NRW „lebt“ den Paralympischen Sport
Wenn die Spiele nicht zeitgleich stattfinden können, so sollten sie doch zusammen geplant und gedacht werden. Das ist auch die große Stärke der Bewerbung Rhein-Ruhr: „Von Tag eins an wurden wir in die Konzeptionierung einbezogen und konnten gleichberechtigt mit dem Landessportbund NRW unsere Expertise einbringen,“ sagt Anja Surmann, Vorsitzende des Behinderten und Rehabilitationssportverbands NRW (BRSNW): „Nirgendwo sonst wird der Paralympische Sport in seiner Kompaktheit und Vielfalt so authentisch gelebt wie in NRW.“ Mit Para Schwimmen vor 60.000 Fans auf Schalke und den Finalspielen im Rollstuhlbasketball, Rollstuhlrugby und Sitzvolleyball in der Arena im Herzen Kölns. Oder Blindenfußball auf den Rheinwiesen vor der Düsseldorfer Skyline. Fast alle olympischen Sportstätten sollen auch bei den Paralympics genutzt werden, so sieht es das Konzept vor.
Goalball – die exklusiv paralympische Sportart
Von den 23 Sportarten, die 2028 in Los Angeles im paralympischen Programm sind, haben 21 ein olympisches Pendant. Dabei kann es beispielsweise beim Rollstuhlbasketball oder Rollstuhlrugby durchaus mal knallen. Beim Blindenfußball darf der Torwart sehend sein, die Spieler*innen müssen sich indes auf ihr Gehör verlassen, um dann den Ball, der mit einer Klingel ausgestattet ist, im gegnerischen Tor unterzubringen. Dafür führen sie diesen oft eng zwischen beiden Füßen. Besonders – und exklusiv paralympisch – ist Goalball, das von je drei blinden Athlet*innen mit einem Klingelball auf zwei umgedrehte Tore gespielt wird. Wenn der Ball gerollt wird, muss es mucksmäuschenstill sein in der Halle, damit die verteidigende Mannschaft hören kann, wo der Ball aufprallt oder einschlagen könnte. Fällt ein Treffer, kann das Publikum aber laut toben. Auch Boccia ist nicht olympisch, bei der Variante des Boule-Spiels können Sportler*innen mit den höchsten körperlichen Einschränkungen mitwirken – und mit Präzision und Taktik beeindrucken.
1972 waren es die „Weltspiele der Gelähmten“
Eine schöne Nebensache – wenn nicht sogar die schönste – ist, dass Paralympics sozial nachhaltig sind, weil Barrierefreiheit plötzlich auf der Agenda steht und Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft anders wahrgenommen werden. Ihre Stärken stehen im Fokus – nicht die Defizite. Und weil die Para Sportler*innen als Vorbilder wahrgenommen werden, die andere zum Sport bringen können. Ihren Ursprung haben die Paralympics in einem Wettbewerb für querschnittgelähmte Menschen, die zu Rehabilitationszwecken Sport machen sollten – sie entwickelten sich zu einer weltweiten Bewegung für Menschen mit Behinderung. Mit einer erfolgreichen Bewerbung könnten die ersten modernen Paralympics nach Deutschland kommen. 1972 waren es noch die „Weltspiele der Gelähmten“ – nicht wie Olympia in München, sondern in Heidelberg.