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19.7.2018 : 15:10 : +0200

#Beim Sport gelernt

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Para-Eishockey: "Der Weg ist das Ziel"

Die Paralympischen Spiele in Pyeongchang waren für die deutschen Wintersportler ein großer Erfolg. Die deutschen Para-Eishockeysportler aber mussten die Spiele von zu Hause verfolgen. Stürmer Christian Jaster erzählt von der großen Enttäuschung aber auch von neuer Motivation und ganz besonderer Willensstärke.

Christian Jaster.

Es geht alles in Sekundenschnelle. Die Schweden machen den ersten Treffer in diesem alles entscheidenden Spiel. Nur einen kurzen Moment später ist der Puck schon auf der anderen Seite des Spielfeldes. Er flitzt nur so über das Eis. Und da ist die Chance: Eishockeyspieler Christian Jaster schiebt das schwarze Ding nach der Vorlage seines
Teamkollegen geradewegs ins Tor. „Es war wie in Zeitlupe. Ich sehe, wie der Puck ganz langsam die Linie überquert — und dann fange ich einfach nur an zu schreien. Das Gefühl war so irre." Es ist Christian Jasters erster Treffer für die deutsche Para-Eishockey-Nationalmannschaft. Es hätte der entscheidendste Treffer und damit die Qualifikation für die Paralympischen Spiele 2018 sein können, die an diesem Freitag in Pyeongchang begonnen haben. Doch die Schweden lassen nicht locker. Sie treffen noch drei weitere Mal und lassen somit den Südkorea-Traum von Christian Jaster und seinem Team platzen.

Jaster ist 32 Jahre alt, seit neun Jahren spielt er Sledge-Eishockey, übersetzt Schlitten-Eishockey. Der Bundesligist und Weltmeister aus Düsseldorf hat vor rund zehneinhalb Jahren bei einem Verkehrsunfall sein linkes Bein verloren. Vorher spielte er leidenschaftlich gern Handball, sogar bis in die Landesliga, doch auf Sport verzichten wollte er nach seinem Unfall nicht. Fest entschlossen suchte er sich eine andere Sportart — und fand Gefallen am Eishockey im Sitzen. „Man ist fest angebunden und unterhalb des Schlittens gibt es zwei Kufen. Links und rechts hat man zwei Schläger in der Hand. Mit dem einen wird der Puck gespielt, und mit dem anderen schiebt man sich voran. Das gelingt mit Spikes, die man ins Eis drücken kann", erklärt Christian Jaster. So bewege man sich wie beim Langlauf fort, „der Rest kommt aus der Hüfte".

Und auch wenn Para-Eishockey — eine neuere Bezeichnung für Sledge-Eishockey — mit den Jahren immer mehr Anerkennung bekommen habe und auch in den Medien öfter Berücksichtigung finde, stört Christian Jaster etwas: „Manchmal wird der
Sport abgestempelt. So nach dem Motto 'Das ist doch nur Behindertensport.' Das finde ich sehr schade. Es tut sich doch nichts gegenüber einer anderen Sportart. Wir arbeiten genauso professionell, trainieren genauso hart. Viele von uns können nicht laufen — aber ich sage es mal so: Der Bob-Fahrer sitzt auch."

In Christian Jasters Team sind alle gleichgestellt — egal, welche Vorgeschichte oder Krankheit sie haben. Es sind Sportler dabei, die ein Bein oder sogar beide verloren haben. Auch Querschnittsgelähmte spielen mit. Und genauso wie beim Eishockey auf Schlittschuhen oder jeder anderen Sportart ist das Tragische, dass es immer einen Verlierer geben muss. So auch am 14. Oktober in Schweden beim Qualifikationsturnier, als das große Ziel Paralympics für die deutsche Nationalmannschaft in weite Ferne rückte. „Wir haben wirklich alle daran geglaubt, dass wir es schaffen. Dass wir die Schweden an die Wand spielen. Nach dem zweiten gegnerischen Tor haben wir so viele Chancen verspielt.
Als die Schweden dann aus 45 Metern in unser leeres Tor getroffen haben, wussten
wir, dass es vorbei ist", sagt Jaster. Auch vier Monate danach ist seine Enttäuschung noch
etwas zu spüren. „Das war sportlich gesehen wirklich der grausamste Tag meines Lebens."
Doch der Willensstärke des 32-Jährigen hat das keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil. „Viele haben mich danach gefragt: Und dafür der ganze Aufwand? Ich sage ganz klar: Ja! Mir
wurde ja schließlich nichts weggenommen, ich hätte ja nur was bekommen können. Der Weg ist das Ziel."

Dennoch — die Niederlage war für das ganze Team keine schöne Erfahrung. „Es hätte einfach ein perfekter Tag sein können. Wir waren alle so fassungslos. Ich habe mich einfach nur leer gefühlt, saß eine Stunde reglos vor der Eishalle." Mit etwas Abstand wollen sich die meisten aus der Nationalmannschaft die Spiele in Pyeongchang aber doch ansehen — „es ist ja schließlich unser Sport und vielleicht kann man dabei ja noch etwas lernen", sagt Jaster. Denn auslernen will der 32-Jährige nie — auch wenn er es „wie ein Wunder in einem schlechten Film" im Jahr 2013 ganz überraschend in die Nationalmannschaft geschafft hat. Ganz kurzfristig nahm der Bundestrainer Andreas Pokorny Kontakt mit ihm auf und lud ihn ins Trainingslager ein.

„Nach zwei Tagen wollte man mit mir sprechen. Gedanklich habe ich schon wieder meinen Koffer gepackt, aber ich habe anscheinend überzeugt", erzählt Jaster. Und damit nicht genug: Nur sieben Tage später ging es für die deutschen Para-Eishockey-Sportler zur Weltmeisterschaft nach Nagano in Japan — mit dabei der Neuling Christian Jaster. Das Sahnehäubchen: Als Weltmeister kam er nach Deutschland zurück. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es so weit schaffe. Aber mein Motto ist: Wenn ich etwas will, gelten keine schlechten Ausreden." Sledge-Eishockey ist für Christian Jaster einer der wichtigsten Bausteine seines Lebens geworden. „Natürlich habe ich nach meiner Bein-Amputation
oft noch an meinen alten Sport Handball gedacht. Aber vom Rumheulen wächst mir
schließlich auch kein neues Bein. Eishockey hat mir viel Kraft und Selbstbewusstsein gegeben. Wäre dieser Unfall nicht passiert, wäre ich nicht in die deutsche Nationalmannschaft gekommen."

Christian Jaster überzeugt sein Umfeld mit seiner positiven Lebenseinstellung — trotz
oder gerade wegen seines schrecklichen Unfalls vor zehneinhalb Jahren. „Viele sagen, dass der Unfall das Schlimmste ist, was mir passiert ist. Aber das würde ich so gar nicht sagen wollen. Ich könnte nicht sagen, ob mein Leben ohne den Unfall besser wäre. Ich finde es schon ziemlich cool."

Im Alltag hat Jaster keine all zu großen Probleme. Er trägt eine Prothese, mit der er gut zurechtkommt und sogar Fahrradfahren kann. In seinem Job als technischer Verwaltungsangestellter beim Umweltamt Düsseldorf stört ihn seine Behinderung nicht besonders. Nur beim Treppensteigen ist er etwas langsamer, stehen kann er nicht lang. Beim Eishockey aber kann er all das vergessen — und sich mit Gleichgesinnten austauschen.

Die Teilnahme an den Paralympischen Spielen will Christian Jaster auf jeden Fall schaffen.
„Vielleicht in vier Jahren in Peking. Wenn es da noch nicht klappt, dann aber in acht Jahren."
Vom Alter her wäre das noch möglich. Die Chancen stehen gut — denn wenn sich der Stürmer etwas vornimmt, dann schafft er es auch.

(Quelle: Ruhr Nachrichten, Jana Thiemann)

21.03.2018 09:32 Alter: 120 Tage