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21.9.2018 : 9:47 : +0200

#Beim Sport gelernt

Der BRSNW unterstützt die Kampagne "Beim Sport gelernt" des LSB und WestLotto.


Kolumne Geistreich: Dem Glücklichen schlägt keine Stunde

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Andreas Geist (Foto: Privat)

"Tschuldigung, können Sie mir sagen, wie spät es ist"? Diese Frage hörte man früher öfter. Irgendwer, der keine Armbanduhr hatte, fragte auf der Straße höflich nach der Uhrzeit. Ein bisschen hat man diese Leute ja bewundert, dass sie ohne zeitlichen Druck durchs Leben gehen, ganz in Ruhe und mit Muße. Aber manchmal geht es eben nicht ohne Uhr und dann kann man ja fragen. Ich glaube, ich bin schon Jahre nicht mehr gefragt worden, denn heute zeigt jedes Handy die Zeit auf die Minute genau und ein Handy hat fast jeder, sogar die Schulkinder.

Als kleiner Junge - ich kann mich daran noch erinnern - hatte ich mir zu Weihnachten von meinen Eltern oder vom "Christkind", so genau kann ich es nun doch nicht mehr sagen, eine Armbanduhr gewünscht. Nicht, dass ich sie wirklich gebraucht hätte. Meine Mutter hat mich rechtzeitig geweckt um zur Schule zu gehen. In der Schule hat die Pausenglocke den Rhythmus vorgegeben, nach der letzten Stunde ging es auf direktem Weg nach Hause, wo das Mittagessen schon wartete. Sobald die Hausaufgaben erledigt waren, ging es raus zum Spielen. Ohne Zeitdruck, denn meistens hieß es: "Zum Abendbrot bist du zurück!" oder "wenn es dunkel wird...". Oft hat das auch geklappt.
Aber wohl zu selten, denn ich habe den Wunsch erfüllt bekommen: Eine Taucheruhr mit einem verstellbaren Plastikring mit Minuteneinteilung, an dem man dann die verstrichene Zeit ablesen konnte, wenn man ihn vorher auf den Minutenzeiger eingestellt hatte.
Diese Uhr hatte eine ungeheuer motivierende Wirkung auf mich. Es wurde gemessen, wie viel Zeit es bis zum Fußballplatz oder irgendwohin braucht, wie lange eine Runde mit dem Fahrrad um den Häuserblock dauert und überhaupt alles wurde zeitlich erfasst. Ich ging auch nicht mehr ohne sie in die Badewanne. Denn ich musste ja testen, wie lange ich unter Wasser die Luft anhalten kann. Mit der Uhr war dann allerdings auch jede Ausrede wegen verspäteter Heimkehr hinfällig.

Die Uhr ist natürlich inzwischen kaputt und nicht mehr existent. Danach habe ich noch etliche andere Uhren besessen und selbst jetzt habe ich mehrere Uhren in der Schublade liegen. Sogar einen Chronographen mit eingebauter Stoppuhr. Nur: Ich trage sie nicht mehr. Wem jetzt an das Zitat: "Dem Glücklichen schlägt keine Stunde" einfällt und neidisch an den Ruhestand denkt, liegt falsch.
Seit meinem letzten Urlaub bin ich Nutzer eines Fitnessarmbandes! Da ich bei sportlichen Aktivitäten meinen Puls kontrollieren muss und meine Pulsuhr im letzten Urlaub zuhause lag, habe ich mir für kleines Geld so ein Armband zugelegt. Das misst nicht nur den Puls, sondern auch die zurückgelegte Strecke, die Anzahl der Schritte, die Aktivitätsdauer und die Zeit zeigt sie auch. Diese recht genau, der Rest ist mehr geschätzt.
Die Messdaten kann ich auf das Handy übertragen und da dann grafisch übersichtlich dargestellt sehen, ob ich meine Ziele erreicht und mich genug bewegt habe. Da muss das Auto öfter stehen bleiben und der Wohnzimmersessel bleibt verwaist. Heute regnet es allerdings, und ich sitze in besagtem Sessel mit dem Laptop auf den Knien. Das versaut mir den ganzen schönen Durchschnitt und ich muss die nächsten Tage dann etwas mehr laufen, um das Defizit auszugleichen.
Man macht sich selbst schon ein bisschen Druck, um sein Tagespensum zu erreichen und die vorgegebene Schrittzahl zu laufen. Natürlich muss ich das nicht wirklich, ich könnte es einfach ignorieren, aber dann kommt der Ehrgeiz!
So ändern sich die Zeiten. Da hat man (in der Regel) als Rentner keinen Zeitdruck mehr, dafür macht man sich anderen Druck. Hätte es zu Friedrich Schillers Zeiten bereits Fitnessarmbänder gegeben, würde das Zitat vielleicht lauten: Dem Glücklichen ist die Schrittzahl egal!
Aber dann nimmt man vielleicht in Kauf, dass das letzte Stündchen, das auch dem Glücklichsten irgendwann schlägt, wegen Inaktivität früher kommt. Also lieber bewegen, messen und fit bleiben!

Herzlich grüßt

Andreas Geist

11.04.2018 15:19 Alter: 163 Tage