Trainerin im Para Tischtennis: „Letztlich geht es um Tischtennis“

Inklusion im Sport: So gut funktioniert gemeinsames Training mit und ohne Handicap. Ein Bericht über den Trainerjob im Para Tischtennis.

© Sonja Scholten

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Begeistert schaut Melissa Dorfmann zu, wie der zwölfjährige Timo konzentriert und mit ganzem Eifer den Ball wieder und wieder über das Netz zieht – nur um ihn unmittelbar zurück geblockt zu bekommen. Ihm gegenüber sitzt Stephanie Andrée, und die Rollstuhlfahrerin bringt ihren jungen Mitspieler ordentlich ins Schwitzen.

Seit zwei Jahren ist Dorfmann Landestrainerin des Behinderten- und Rehabilitationssportverbands NRW und ist in diesem Rahmen auch für ihre Landeskaderspielerin Andreé zuständig. Selbst bereits in jungen Jahren zum Tischtennis gekommen, konnte die heute 28-jährige Dorfmann als Spielerin einige Erfolge verzeichnen. Aktuell spielt sie bei ihrem Heimatverein Borussia Düsseldorf nach drei Jahren in der Regionalliga West. Initiiert von ihrem Verein machte sie bereits mit 16 Jahren zusammen mit Vereinskameradinnen den ersten Trainerschein und unterstützte von da an den Verein im Jugendtraining. Von Hannes Doesseler, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bei Borussia Düsseldorf als Jugendtrainer tätig war, wurde sie als Trainingspartnerin an das paralympische Tischtennis herangeführt.

Herausforderung für den Trainer: Spieler ohne Hände und rechtes Bein

Doesseler ist wie Dorfmann bereits seit Jugendtagen als Trainer aktiv. Er sprang bei seinem Verein in die Bresche, als sich der damalige Jugendtrainer ins Auslandsjahr verabschiedete. Bei der Borussia stieß er 2005 auf Klaus Mewes. Mewes stellte eine neue Herausforderung für Doesseler dar, denn er kam ohne Hände und das rechte Bein zur Welt. Anfangs, so Doesseler, wusste er nicht so genau, was er mit Mewes anfangen sollte. Doch er sah die Begeisterung, mit welcher der behinderte Junge am Tisch agierte und was er trotz seiner Handicaps alles konnte. „Challenge accepted“, sagte sich der passionierte Trainer. Er nahm die Herausforderung an. Zusammen mit Mewes entwickelte er alternative Techniken und Taktiken. „Wir haben gemeinsam geschaut, was er kann und was nicht“, so Doesseler. „Er hat nun mal kein Handgelenk und seine Reichweite ist etwas eingeschränkt. Dafür ist Klaus sehr schnell und agil und das trotz seiner Beinprothese“, beschreibt der Trainer die Voraussetzungen seines Schützlings. „Letztlich ist es Tischtennis; es ist Physik.“

Mewes in die Trainingsgruppe einzubinden, war für Doesseler nicht schwer: „In Vereinen findet man meistens heterogene Gruppen vor und lernt, in seiner Trainingsplanung recht flexibel zu sein, das war hier auch nicht anders“, so der heute 45-jährige Ratinger.

Coach bei den Paralympics in London und Rio

Diese zielorientierte Auseinandersetzung mit Tischtennis und die Kreativität bei der individuellen Lösungsfindung haben Doesseler als Trainer auf die nächste Ebene gebracht. Auf Wunsch seines Schützlings begleitete er ihn zu den Deutschen Meisterschaften im Para-Tischtennis und lernte dort den damaligen Bundestrainer Günther Pock und NRW-Landestrainer Olaf Ahlers kennen. 2006 wurde Doesseler von Ahlers zum ersten Mal als Co-Trainer auf einen Landeskader-Lehrgang eingeladen. 2009 übernahm der engagierte Trainer die Landestrainerstelle schließlich von Ahlers.

Zu diesem Zeitpunkt war er auch bei Maßnahmen auf Bundesebene bereits regelmäßig als Co-Trainer dabei und 2008 vom Deutschen Behindertensport-Verband (DBS) sogar als Trainer für die Paralympischen Spiele in Peking nominiert worden. Dort gewann der von ihm gecoachte Jochen Wollmert Gold in der Wettkampfklasse 7 – ein Erfolg, den Wollmert vier Jahre später in London unter Anleitung von Doesseler sogar wiederholen konnte. Auch bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 gehörte Doesseler zum Aufgebot des DBS.

Doesseler: „Die Athletik wird immer wichtiger“

Als Anfang 2013 das Deutsche Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf zum Paralympischen Trainingsstützpunkt (PTS) ernannt wurde, wurde Doesseler zur rechten Hand des Bundestrainers Volker Ziegler. Als Landestrainer und Co-Trainer von Ziegler organisierte er alle Kadermaßnahmen am PTS. Im April 2017 wurde Doesseler schließlich offiziell zum Stützpunkttrainer in Düsseldorf und übergab seinen Landestrainerposten an Melissa Dorfmann.

Mittlerweile gehört der Ratinger zu den Trainern mit der größten Expertise im Para-Tischtennis und weiß, dass es auch im Spitzensportbereich viele Parallelen zum Regelsport gibt. „Die Athletik wird immer wichtiger“, berichtet Doesseler. „Allerdings muss man im Para-Tischtennis noch mehr Rücksicht auf eine gute Belastungssteuerung nehmen. Eine Überlastung kann einfach drastischere gesundheitliche Auswirkungen haben.“ Ein anderer Bereich, in dem der paralympische Sport im Allgemeinen aufholt, ist die Professionalität in allen Bereichen. „Ein großer Schritt war sicherlich die Aufstockung des hauptamtlichen Trainerpersonals“, konstatiert Doesseler. „Auch insgesamt steht uns mittlerweile mehr Geld zur Verfügung, sodass wir schlicht mehr und längere Maßnahmen mit unseren Athleten durchführen können.“

Es geht konzentriert zur Sache: Spill und Andrée beim inklusiven Training

Para-Profisport: „Da sind uns andere Nationen voraus“

Ein Aspekt, der sich nicht so einfach bearbeiten lässt, ist das mangelnde Profi-Dasein im deutschen Behindertensport. Wenn man nicht gerade Fußball spielt, ist es meist nicht einfach mit Sport seinen Lebensunterhalt zu bestreiten – das gilt erst recht für Behindertensportler. „Da sind uns andere Nationen natürlich voraus“, räumt Doesseler ein. „Allerdings glaube ich auch nicht, dass wir andere Länder durch größere Trainingsumfänge überholen können. Unsere Stärke war schon immer eher das Entwickeln von kreativen Spielideen, mit denen wir die Gegner überraschen können.“ Als Beispiel nennt er den sogenannten „Exit“, einen inzwischen von Sandra Mikolaschek perfektionierten Schlag: Die Rollstuhlfahrerin der Wettkampfklasse 4 spielt den Ball aus dem Spiel heraus mit extremem Seitunterschnitt kurz hinter das Netz, sodass ihre Gegnerinnen nicht den Hauch einer Chance haben, den Ball noch zu retournieren. In der Entwicklung solcher Lösungen ist allerdings Ausdauer gefragt: „Bis Sandy mit dem ‚Exit‘Punkte gemacht hat, hat es durchaus lange gedauert“, erzählt Doesseler. „Aber als sie ihn dann einsetzen konnte, war dieser Ball ein ‚Gamechanger‘er hat sie in die Weltspitze gebracht.“

Hartnäckigkeit legt im Training von Melissa Dorfmann auch Timo an den Tag. Sein Vater Andreas Spill erzählt: „Wenn Timo mit Stephi trainiert, ist er ganz anders als sonst im Training. Seine Einstellung ist irgendwie anders, er beißt mehr.“ Dorfmann, die auch Jugendwartin bei Borussia Düsseldorf ist, lässt ihre verschiedenen Trainingsgruppen oft miteinander trainieren, mischt ihre Landeskaderathleten mit dem Borussia-Nachwuchs. „Ich habe früher selbst oft in der Gruppe von Hannes mit trainiert und fand es extrem bereichernd“, so die 28-Jährige. Sie ist der Meinung, dass das gemeinsame Training das Verständnis für Tischtennis bei den Kindern weitet. „Sie lernen, nicht nur auf ihr eigenes Spiel zu achten, sondern auch den Gegner mehr in ihre Überlegungen mit einzubeziehen. Im Para-Tischtennis ist es essenziell, sich auch das Gegenüber anzuschauen, dessen Stärken möglichst aus dem Spiel zu nehmen und dessen Schwächen auszunutzen.“

Vorbildfunktion in vielen Bereichen: inklusiven Training

Das inklusive Training von Dorfmann hat für viele Eltern auch abseits des Tisches Vorbildfunktion. „Von den Eltern bekomme ich nur positives Feedback. Dieses selbstverständliche Sporttreiben miteinander lässt Berührungsängste erst gar nicht entstehen“, sagt Dorfmann. Diese seien bei den Kindern jedoch sowieso kaum vorhanden gewesen. „Natürlich schauen sie sich die Para-Athleten erst einmal an und sehen, dass dort etwas anders ist. Dann unterhalten sie sich, spielen miteinander und ab dann geht es nur noch um Tischtennis.“

Aufeinander zu achten, ist für die Kinder selbstverständlich. „Neulich lief sich eins unserer Mädchen neben einer meiner Para-Athletinnen ein und wies sie daraufhin, dass ihr Schnürsenkel offen sei – im gleichen Atemzug fragte sie, ob sie ihn ihr vielleicht binden solle. Das fand ich großartig“, erzählt Dorfmann. Mittlerweile erkundigen sich die jungen Borussen in Dorfmanns Jugendtraining bereits nach den Para-Sportlern. Sie sind begehrte Trainingspartner.

Inklusion funktioniert eben kaum irgendwo besser als im Sport.

Links

Das Trainer-Team von Borussia Düsseldorf

Text: Sonja Scholten

 

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